Auszugs Kapitel auf GRUNER REITER von Kristen Britain

© 1998 Kristen Britain

Wird erhaeltlich sein von Droemer im April, 1999.

 

AUS DEM AMERIKANISCHEN VON MICHAEL NAGULA

KNAUR VERLAG

 

 

Der Graue

Der Granit war kalt und rauh unter den Handflächen des

Graugewandeten. Es war guter, fester Granit aus den Tiefen

der Erde selbst. Er verfolgte die kaum wahrnehmbaren Risse

zwischen den gewaltigen Blöcken des Walls. Es waren die

Risse, glaubte er, die den Schlüssel darstellten. Den

Schlüssel zur Vernichtung des Walls.

Der Wall erhob sich über ihm bis in unbekannte Hö-

hen. Er war mehrere Meter dick und verlief Hunderte von

Kilometern entlang Sacoridiens Südgrenze, vom Ostmeer bis

zur Ullem-Bucht im Westen. Er schützte Sacoridien und den

Rest des Landes vor Kanmorhan Vane, gemeinhin Schwarz-

schleierwald genannt.

Der Wall bestand schon seit tausend Jahren. Er war

nach dem Langen Krieg um die Wende des Ersten Zeitalters

errichtet worden. Tausend Jahre lang waren die Bewohner des

dunklen Waldes, hinter dem Wall gefangen, immer unruhiger

geworden und hatten getobt und gewütet.

Nun mußte der Graue sie zu sich rufen und ihrer Ver-

bannung ein Ende bereiten. Er würde diesen Alptraum wieder

in die lichte Welt des Tages entlassen. Und er würde es

allmählich tun. Ganz allmählich.

Der Wall war von einer Magie erfüllt, die unter seinen

Händen prickelte. Die Magie war alt und mächtig, selbst für

Menschenwerk aus dieser längst vergangenen Zeit. Heute ver-

standen sie sich auf so etwas nicht mehr. Sie wußten nicht

mehr viel von dem, wozu ihre Vorfahren fähig gewesen waren.

Und ebensowenig wußten sie, was die Bewohner des heutigen

Sacoridien alles vermochten.

Und das war gut so.

Er strich mit dem Geist über die Schichten der Magie.

Jeder Granitblock war mit Magie verwoben worden, von dem

Augenblick an, da er aus dem Felsen gebrochen wurde, bis zu

seiner Bearbeitung, dem Feinschliff und schließlichen Ein-

gefügtwerden. Den Mörtel hatte man unter Stärkungszaubern

aufgetragen, nicht nur, um sicherzustellen, daß der Wall

für alle Zeiten bestand, sondern auch, um zu verhindern,

daß die Magie von ihm wich.

Ach, die Zaubergesänge, welche die Steinmetze gesun-

gen haben mußten, als sie Löcher in das Gestein hämmerten

und die Mörtelmischung anrührten. Der Wall war wirklich

großartig. Eine atemberaubende Leistung, zu deren Vollen-

dung es Generationen von Menschen bedurft hatte. Ein Jam-

mer, daß man ihn vernichten mußte.

Der Graue lächelte im Schatten seiner Kapuze. Er

würde die Welt wieder in einen Zustand zurückversetzen,

den sie seit dem Langen Krieg nicht mehr gekannt hatte,

lange vor dem Ersten Zeitalter, einer vergessenen Ära;

einer Ära, in der die Menschen noch in primitiven Gruppen

lebten, die Herdentieren und Wild nachstellten. Damals

hatte es keine Könige gegeben, keine Länder, keine orga-

nisierten Religionen. Lediglich Aberglauben und Finster-

nis. Im Schwarzen Zeitalter, wie diese längst vergangene

Epoche heute genannt wurde, hatten sie ein besseres Ver-

ständnis von Magie gehabt als heute.

Der Graue blickte auf. Die rosaroten Wolken des Mor-

gendämmers verblaßten, und Vögel stoben durch die Bäume.

Seine Mitverschwörer erwarteten sicher schon ungeduldig

seine Rückkehr. Sie hatten wohl auch jedes Recht dazu,

ungeduldig zu sein: Sie waren sterblich.

Er schloß die Augen und wappnete sich. Er folgte den

Gesängen der Steinbrecher und Steinmetze, die eine Sprache

gebrauchten, die kein moderner Sacorider erkannt hätte. Die

Musik entsprang den Tiefen der Erde; sie spann Widerstände,

Begrenzungen und Barrieren.

Das Echo der Hämmer, vor Jahrhunderten von Steinmet-

zen geschwungen, hallte im Kopf des Grauen wider. Die

Schläge ließen ihn erbeben, klangen mißtönend durch seine

Gedanken. Er biß vor Schmerzen die Zähne zusammen und

drang tiefer ein.

Männer und Frauen sangen im Einklang miteinander. Ihr

Gesang schwoll an, als seine Gedanken die Risse entlangwog-

ten. Er fing die Harmonie ihrer uralten Stimmen auf und

ließ zu, daß die Kadenz der Hämmer seinen Geist erfüllte,

und er sang mit ihnen.

Sein Körper wiegte sich im Rhythmus und troff von

Schweiß. Doch sein Körper war nun ein fernes Etwas, ein

nachträglicher Gedanke, denn sein Geist befand sich tief

im Inneren des Granits. Er floß im rosa Feldspat und kri-

stallenen Quarz, in den pfefferfarbenen Flecken der Horn-

blende. Er fühlte sich mächtig genug, um unberührt von den

Witterungskräften der Natur den Zeitaltern standzuhalten.

Er konnte allem standhalten. Doch er mußte diese Macht

mehren. Wenn er den Wall vernichten wollte, mußte er noch

stärker werden als der Granit.

Seine Stimme fand ihre eigene Harmonie, die entgegen

dem Rhythmus im Inneren des Walls verlief. Alles Große muß

untergehen, sang er. Sing mit mir, folge mir.

In weiter Ferne klopfte sein Zeigefinger den neuen

Rhythmus an den Wall. Es reichte nicht aus, um jenen von

Hunderter Hämmer zu verändern, doch er führte einen Mißklang

ein. Bemerkte er nicht eine gewisse Unsicherheit im Gesang?

Gerieten nicht manche Hämmer aus dem Rhythmus?

Ein Splittern, den Rissen gleich, die im Frühling das

Eis von Seen überzogen, lenkte ihn ab. Er verlor die Orien-

tierung. Gesang und Rhythmus verklangen, und seine Verbun-

denheit mit dem Wall kam ins Schwanken.

Sein Körper sog wie ein Schwamm seinen Geist auf. Die

Wucht ließ ihn zurücktaumeln, benommen und schwerfällig in

seiner körperlichen Gestalt. Als ihm wieder einfiel, wie

man Arme und Beine benutzte, untersuchte er sein Werk.

Ja, ja, ja! Ein haarfeiner Riß im Mörtel. Die Wunde

würde größer werden, und er würde zurückkommen und den

D'Yer-Wall niederreißen!

Nun mußte er sich wieder in das Lager begeben, in dem

die Menschen auf ihn warteten. Dem Wall einen Riß beizubrin-

gen hatte einen Großteil seiner Energien aufgebraucht ­ es

war kaum mehr genug übrig, um ihn noch zu befördern. Er wür-

de für den Rest des Tages in schlechter Verfassung sein,

doch die Soldaten warteten voller Ungeduld darauf, den Grü-

nen Reiter zur Strecke zu bringen. Bald würde diese Ränke,

die den Menschen so kostbar war, ein Ende finden, doch

einstweilen war sie seinen Zwecken dienlich.

Er schlang sich den Langbogen und den Köcher mit

schwarzen Pfeilen über die Schulter und spürte, daß ihn

jemand anstarrte. Er schaute sich grimmig um, sah jedoch

lediglich eine Eule, die über ihm auf einem Zweig hockte.

Sie blinzelte, ließ den Mondblick erlöschen und drehte

nach Art von Eulen den Kopf zur Seite.

Der Graue hatte von einer Eule, die mit ihrer früh-

morgendlichen Jagd befaßt war, nichts zu befürchten. Er

breitete weit die Arme aus und begann mit seiner Anrufung.

Sie zitterten noch von der Anstrengung, dem Wall einen Riß

beigebracht zu haben. "Kommt herbei, o sterbliche Geister.

Ihr seid meiner Macht untertan, in dieser Welt an mich

gebunden. Begleitet mich nun und bringt mich dorthin, wo-

hin ich gehen muß."

Sein Wille rief sie herbei, und sie konnten dem Ruf

nicht widerstehen. Wie ein wäßriges Flirren versammelte sich

eine Schar Geister um ihn. Manche saßen auf Pferden, andere

waren zu Fuß. Unter ihnen befanden sich Soldaten, Greise,

Frauen und Kinder. Gemeine Bürger standen neben Rittern.

Bettler drängten sich an der Seite von Edelleuten. Alle wa-

ren von zwei schwarzen Pfeilen durchbohrt.

"Bei den Pfeilen von Kanmorhan Vane, ich befehle Euch

jetzt, mit mir zu kommen. Wir reisen auf den schnellen Zeit-

pfaden der Toten."

 

Toter Reiter

 

Karigan G'ladheon erwachte vom Gezwitscher der Seidenschwän-

ze und Meisen. Tauben gurrten klagend und Eichelhäher ver-

teidigten mit heiserem Gesang und flatternden Schwingen ihr

Territorium. Über ihr breitete sich wie ein gewaltiger, däm-

meriger Baldachin das Firmament aus, und Sterne zwinkerten

ihr daraus zu. Der Mond hing tief im Westen.

Karigan stöhnte. Sie lag am Rand eines bäuerlichen

Brachfelds hinter einer Hecke, und ihrem Rücken war das

gar nicht recht.

Sie strich sich feuchtes Haar aus der Stirn. Alles war

naß vom Tau, und die Kleidung klebte ihr kalt und klamm wie

eine zweite Haut am Leib. Sie rief sich laut in Erinnerung,

weshalb sie hier war.

"Um aus Selium fortzukommen."

Sie erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Bis auf die Vö-

gel lag das weit offene Land leer und still vor ihr. Hier

gab es nicht das Glockengeläut zur Morgenflut, und auch das

vertraute Knarren der Bodenbretter, wenn ihre Mitschüler

durch das alte Wohnheim gingen und sich auf den Unterricht

des Tages vorbereiteten, würde sie nicht vernehmen.

Sie stand auf und fröstelte in der kühlen Frühlings-

luft. Wahrhaftig, sie war >fort< von Selium und würde, be-

vor der Tag zur Neige ging, noch viel weiter weg sein. Sie

raffte ihre Decke auf und stopfte sie mit der anderen Habe

in ein Bündel, stieg über die Hecke und ging los. Sie hatte

wenig mehr als einen großen Kanten Brot, einen Bissen Käse,

Kleidung zum Wechseln und etwas Schmuck bei sich, der ihrer

Mutter gehört hatte ­ die einzigen Gegenstände, die ihr so

kostbar waren, daß sie sie mitgenommen hatte. Alles Übrige

hatte sie in ihrer Eile, aus Selium wegzukommen, im Wohn-

heim zurückgelassen.

Sie schritt munter aus, um die Kälte abzuschütteln,

und der Kies der Straße knirschte unter ihren Stiefeln. Die

aufgehende Sonne mit ihren orangegolden Schlieren zog sie

in östliche Richtung.

Als sie so dahinschritt, wichen die glitzernden Gräser

der Flure dichten Hainen mit Tannen und Fichten, die die

gerade erst aufgegangene Sonne verdeckten und die Straße

verdunkelten.

Sie befand sich hier am Rand des Grünen Mantels, ei-

nes riesigen Waldes, der dicht und ungestüm mitten im Her-

zen von Sacoridien wuchs. Seine gebändigteren Grenzen ver-

liefen als Dickichte und Strauchwerk bis hinunter zu den

Ufern der Ullem-Bucht und den Ausläufern der Windgesang-

Berge. Der größte Teil des Waldes war undurchdringlich und

unwegsam, bis auf einige Dörfer und Weiler, die darin

kleine Inseln bildeten, und einer gelegentlichen Straße,

die aus der Vogelperspektive, dachte sie, den Wald wahr-

scheinlich wie eine Narbe durchzog.

Solche Straßen standen oft im Widerstreit mit ihrer

Umgebung. Allzuleicht wuchsen Schößlinge mitten auf den

Straßen oder fegten Winterstürme über sie hinweg, so daß

die, die am wenigsten benutzt wurden, verwitterten. Ein

Teppich rostroter Tannennadeln dämpfte Karigans Schritte

und ließ diese Straße verlassen erscheinen, obwohl es sich

um eine Hauptverkehrsader handelte, die weiter östlich ge-

legene Gebiete mit Selium verband.

Karigan schritt dahin, bis ihr der Magen knurrte. Sie

suchte sich einen warmen, von der Sonne beschienenen Flek-

ken, von herrlich kühlem Schatten umgeben, und spülte mit

Wasser aus einem gurgelnden Bach neben der Straße die Brok-

ken Brot und Käse hinunter. Das Wasser war nicht gerade

vom Feinsten, erfüllte jedoch seinen Zweck.

Anschließend spritzte sie sich das köstliche Naß ins

Gesicht. Nach nur einer Nacht auf der Straße fühlte sie

sich schon schmuddelig und sehnte sich nach den heißen

Bädern und reichlichen Mahlzeiten, die man in der Schule

serviert bekam.

"Erzähl mir nicht, du vermißt sie..." Sie warf einen

Blick über die Schulter, als könnte das gesamte Gelände

mit seinen tempelähnlichen Lehrgebäuden, das sich auf ei-

nem Hügel über der Stadt erhob, unversehens hinter ihr

auftauchen.

Seltsam, wie eine Nacht auf der Straße die gestrigen

Ereignisse irgendwie weniger bedeutsam, weniger schmerzlich

erscheinen ließ. Karigan drehte sich halb um und schaute

die Straße hinunter, an deren Ende einen Tagesmarsch ent-

fernt die Schule lag. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten,

und sie preßte die Kiefer zusammen. Sie würde es dem Rektor

schon zeigen.

Mich aus der Schule werfen, was? Ich bin gespannt, was

du jetzt meinem Vater erzählen willst. Sie grinste, als sie

sich ihren Vater vorstellte, wie er sich mit bleicher Miene

über einen klein gewordenen Rektor Geyer beugte.

Dann sackten ihre Schultern nach unten, und ihr Grin-

sen verschwand. Es war zwecklos. Sie hatte keine Gewalt

über ihren Vater. Was, wenn er dem Rektor beipflichtete,

daß ihre Strafe gerecht war?

Sie trat mit der Stiefespitze ins Erdreich, und Steine

schlitterten über die Straße. Götter, was für ein Dilemma.

Sie hoffte, daß sie Corsa vor dem Schreiben des Rektors er-

reichte, damit sie ihrem Vater ihre Seite der Geschichte zu-

erst erzählen konnte. So oder so würde sie reichlich Ärger

bekommen. Vielleicht sollte sie sich auf einer Handelsbarke

anheuern lassen und einfach wegbleiben. Ihr Vater hatte das

in seiner Jugend schließlich auch getan.

Sie schob die Hände in die Taschen und schlenderte

mit gesenktem Haupt und zögernden Schrittes die abgenutzte

Straße entlang.

Sie schreckte ein junges Eichhörnchen auf einem vom

Blitzschlag getroffenen alten Baumstumpf auf. Es fiepte und

piepte mit buschig aufgestelltem Schwanz. Es stemmte die

kleinen Pfoten ins Holz, dann schoß es von einer Seite des

Stumpfs auf die andere, als sei es zu verängstigt, um sich

entscheiden zu können, wohin es fliehen sollte.

"Tut mir leid, daß ich dir Angst gemacht habe, Klei-

ner", sagte Karigan.

Das Eichhörnchen zeterte, huschte ins Unterholz davon

und flitzte geräuschvoll über das Laub des Waldbodens, wo-

bei es wie ein viel größeres Tier klang.

Karigan ging weiter und summte eine mißtönende Melo-

die. Als jedoch die Geräusche des Eichhörnchens nicht ver-

stummten, sondern sogar noch um einiges lauter wurden,

erstarrte sie.

Das Getöse hallte durch den Wald wider. Bäume und

Sträucher erbebten, als bräche eine wilde Bestie ­ ungleich

größer als ein Eichhörnchen ­ durch Zweige und Buschwerk.

Rasende Wildkatzen und tollwütige Wölfe schossen ihr durch

den Sinn. Sie besaß keine Waffen, um die Bestien abzuweh-

ren, und konnte auch nicht davonlaufen, weil sie meinte,

ihre Füße hätten Wurzeln geschlagen.

Sie schnappte hastig nach Luft. Was für eine namenlose

Bestie das auch immer war, sie kam genau auf sie zugerannt,

und zwar schnell.

In einer Explosion von Zweigen brach sie aus dem Wald

hervor. Karigans Atem pfiff in der Kehle wie eine geborste-

ne Pfeife.

Riesig und düster ragte das Wesen im Schatten der

Bäume auf. Es schnaubte wild durch geblähte Nüstern, wie

ein Dämon aus der Hölle. Karigan schloß die Augen und

wich einen Schritt zurück. Als sie wieder hinsah, torkel-

te ein Pferd mit Reiter und kein böser Drache aus der Le-

gende auf die Straße. Zweige und Laub rieselten von den

beiden zu Boden.

Das Pferd, ein Brauner mit langen Beinen, war mit

schäumendem Schweiß bedeckt und schnaufte wie nach einem

anstrengenden Lauf. Der Reiter hing vornübergeneigt auf dem

Hals des Braunen. Er war in eine grüne Montur gekleidet.

Peitschende Zweige hatten blutige Striemen auf seinem wei-

ßen Gesicht hinterlassen. Seine breiten Schultern zuckten

vor Erschöpfung.

"Bitte...", flüsterte er. Halb stieg, halb fiel er vom

Pferd. Karigan schrie auf, als sie zwei Pfeile mit schwar-

zem Schaft aus seinem Rücken ragen sah.

Sie machte zögernd einen Schritt auf ihn zu.

Der Reiter war nur wenige Jahre älter als sie. Schwar-

zes Haar klebte an seiner schmerzverzerrten Stirn. Blaue

Augen glänzten hell im Fieber. Er sah aus, als hätte er

länger, als jeder Sterbliche das vermochte, gegen den Tod

angekämpft, mit zwei Pfeilen im Rücken.

Er kam aus Sacoridien, dessen war sich Karigan sicher,

obwohl die grünen Uniformen erheblich seltener waren als

das Schwarzsilber des stehenden Heers.

"Hilfe..."

Sie näherte sich ihm unsicheren Schrittes, als könnten

ihre Beine sie nicht mehr tragen. Sie kniete sich neben ihn,

wußte nicht, wie sie einem Sterbenden helfen sollte.

"Bist du Sacoriderin?" fragte er.

"Ja."

"Liebst du dein Land und deinen König?"

Karigan stutzte. Was für eine seltsame Frage. König

Zacharias war noch nicht lange auf dem Thron, und sie wußte

wenig von seiner Politik und seinen Methoden, doch es wäre

nicht nett, einem sterbenden Diener Sacoridiens gegenüber

treulos zu klingen.

"Ja."

"Ich bin ein Bote... Grüner Reiter." Der Körper des

Jünglings verkrampfte sich vor Schmerzen, und Blut sickerte

über seine Lippe und das Kinn hinunter. "Die Tasche auf dem

Sattel... wichtige Botschaft für... den König. Leben und

Tod. Wenn du Sacor... Sacoridien und seinen König liebst,

nimm sie. Bring sie ihm."

"I-ich..." Ein Teil von ihr wünschte sich, daß sie

schreiend davonliefe, doch ein anderer Teil fühlte sich von

seinem Begehren angezogen. Nach Corsa davonzulaufen statt

in Selium zu bleiben, bis ihr Vater sie abholte, hatte den

unwiderstehlichen Reiz des Abenteuers auf sie ausgeübt, und

sie hatte es kaum erwarten können. Doch nun zeigte ihr das

wahre Abenteuer seine furchterregende Fratze.

"Bitte", flüsterte er. "Du bist -"

Die letzten Worte verklangen unhörbar, als Blut sei-

ne Kehle hinaufschoß und über die Lippen quoll, doch sie

glaubte, noch ein gehauchtes "die einzige" aufgeschnappt

zu haben. Die einzige, die was? Die einzige, die sich auf

der Straße befand? Die einzige, die die Botschaft über-

bringen konnte?

"Ich -"

"Gefährlich." Er fröstelte.

Alles ringsum hüllte sich in gespanntes Schweigen, als

warte die Welt mit angehaltenem Atem auf ihre Entscheidung.

Ehe sie wußte, wie ihr geschah, sagte Karigan schon:

"Ich mach's." Die Worte hörten sich an, als hätte ein ande-

rer sie ihr abgerungen.

"Sch-schwörst du?"

Sie nickte.

"Schwert. Bring es mir."

Das Pferd scheute vor Karigan zurück, doch sie ergriff

seine Zügel und zog den Säbel aus der Sattelscheide. Die

geschwungene Klinge funkelte im Sonnenlicht, als sie es

ausgestreckt vor sich hielt. Sie kniete sich wieder neben

den Boten.

"Falte deine Hände um den Knauf", sagte er. Als sie es

tat, legte er seine um ihre. Erst in diesem Moment fiel ihr

auf, daß seine Handschuhe gar nicht blutrot gefärbt waren,

nicht von Anfang an. Er hustete, und noch mehr Blut quoll

aus seinen Mundwinkeln. "Schwöre... Schwöre, daß du die

Botschaft König Zacharias überbringen wirst... aus Liebe

zu deinem Land."

Karigan konnte ihn nur aus großen Augen anstarren.

"Schwöre es!"

Es war, als schaute sie schon auf einen Geist statt

auf einen lebenden Menschen. Solange sie den Schwur nicht

geleistet hatte, würde er nicht zulassen, daß er starb.

"Ich schwöre... ich werde die Botschaft aus Liebe zu meinem

Land überbringen."

Obwohl sie geschworen hatte, war der Grüne Reiter noch

nicht bereit zu sterben. "Nimm die Brosche... von meiner

Brust. Sie weist dich..." Er kniff vor Schmerzen die Augen

zusammen, bis der Anfall vorbei war. "Weist dich als Boten

aus... gegenüber... anderen Reitern." Er brachte die Worte

keuchend hervor, als zwänge er die Luft mit schierer Wil-

lenskraft in seine Lungen hinein und wieder heraus, um sein

Leben zu verlängern. "Eile... Reiter, so schnell es geht.

L-lies die Botschaft nicht. Dann kann man sie auch nicht

durch... F-folter aus dir herauspressen. Wenn man dich ge-

fangennimmt, zerreiß sie und verstreue sie in alle Winde."

Dann mußte sie sich, weil seine Stimme schon so schwach ge-

worden war, zu ihm vorbeugen, um seine Sterbeworte noch zu

hören. "Hüte dich vor dem Schattenmann."

Ein Schauder durchlief Karigans Körper. "Ich werde

mein Bestes tun", sagte sie zu ihm.

Diesmal antwortete der Bote nicht mehr, obwohl seine

Augen sie noch anstarrten, hell und wie aus einer anderen

Welt. Sie bog behutsam seine Finger von ihrer Hand, einen

nach dem anderen, und schloß ihm die Augen. Die Brosche

mit dem geflügelten Pferd war ihr erst gar nicht aufge-

fallen, doch nun glühte sie golden über seinem Herzen in

der Sonne. Geistesabwesend strich sie mit ihren Fingern

über die Hose, so daß blutige Schlieren zurückblieben,

dann nahm sie ihm die Brosche ab.

Ein seltsames Gefühl, keineswegs unangenehm, als sängen

ihre Nerven im Einklang, durchlief prickelnd ihren Körper.

Die goldene Wärme der Sonne umfing sie und vertrieb die

schattenhafte Kühle. Ein Flattern wie von großen Schwingen

durchpflügte die Luft, und das Geräusch von silberbeschlage-

nen galoppierenden Hufen erklang...

Augenblicke später wich das Gefühl wieder, und ihr wur-

de klar, daß es sich bei dem Geräusch um ihren eigenen Herz-

schlag handelte und die Sonne so hoch gestiegen war, daß sie

jetzt in einem Lichtkreis stand. Mehr war es nicht gewesen.

Sie klemmte sich die Brosche ans Hemd.

Dann spürte sie, wie unsichtbare Lippen gleich einer

Brise, die durch hundert Pappeln strich, Willkommen, Reiter

zu flüstern schienen. Ihr Nacken kribbelte.

Karigan schüttelte den Kopf, um sich von solchen Hirn-

gespinsten zu befreien, und wandte sich wieder praktischen

Fragen zu. Was sollte sie mit der Leiche des Boten anfangen?

Sie konnte sie schlecht mitten auf der Straße liegenlassen,

so daß Aasfresser über sie herfielen und sie einen fatalen

Anblick für jeden bot, der zufällig vorbeikam, oder? Sie

würde auf ihren Reisen auch nicht mitten auf der Straße über

eine Leiche stolpern wollen. Es wäre einfach nicht richtig,

sie hier liegenzulassen.

Sie verzog das Gesicht. Die Leiche war zu schwer, als

daß sie sie in den Wald hätte ziehen können, und... wie

sollte sie sie begraben? Sie hatte schließlich keine Schau-

fel dabei. Es gefiel ihr überhaupt nicht, die Leiche hier

draußen liegen zu lassen, doch... was blieb ihr anderes üb-

rig? Dann, als sagte eine innere Stimme zu ihr: Vergeude

keine Zeit, zog sie sich von der Leiche zurück und ergriff

die Zügel des Pferds.

Und doch zögerte sie noch immer. Wenigstens konnte sie

den Säbel beim Boten zurückzulassen, um zu zeigen, wie tap-

fer er gestorben war. Doch was, wenn sie den Leuten begeg-

nete, die ihm die Pfeile verpaßt hatten? Sie würde eine

Waffe benötigen, auch wenn ein Säbel nicht viel gegen Pfei-

le ausrichten konnte. Diese Überlegung brachte die Ent-

scheidung, und sie ließ die Klinge wieder in die Scheide

zurückgleiten.

Der Bote hatte ihr gesagt, sie möge sich beeilen, doch

das Pferd zu Tode zu hetzen, hatte auch keinen Sinn. Sie

würde es am Zügel führen und erst dann aufsitzen, wenn es

sich wenigstens teilweise erholt zu haben schien.

Das Pferd war traurig anzusehen. Seine Läufe waren

lang, aber dick ­ man hatte es dafür gezüchtet, schnell

große Entfernungen zurücklegen, ohne einen Gedanken an Äs-

thetik. Sein Hals erinnerte Karigan an die Schilderungen

ihres Vaters von langhalsigen wilden Tieren, die er auf

seinen Reisen zu Gesicht bekommen hatte. Das rauhe braune

Fell des Pferds war mit alten Narben übersät.

"Ich wünschte, ich wüßte deinen Namen", sagte Karigan

zu ihm, als sie dahintrotteten.

Das Pferd drehte den Hals, um sich umzuschauen, doch

nicht nach ihr, sondern hinter sie. Auch sie warf einen

Blick zurück. Die Leiche des Boten war schon hinter einer

Biegung verschwunden, und außer den spitzen Schatten der

Fichten, die im Laufe des Morgens immer kürzer wurden, war

nichts zu sehen.

Sie fröstelte. Die verkrümmte, gepeinigte Gestalt des

Boten würde ihr noch lange im Gedächtnis bleiben. Sie hatte

schon dabei geholfen, die Leichname alter Tanten und Onkels

für das Begräbnis herzurichten, doch sie waren friedlich im

Schlaf gestorben, nicht durch Pfeile, die man ihnen in den

Rücken geschossen hatte.

Diese Sache mit der Botschaft bedeutete eine große

Veränderung ihrer Pläne. Die Heimat kam jetzt nicht mehr in

Frage. Sie hatte ein Versprechen abgegeben. Sie hatte dem

Grünen Reiter geschworen, daß sie die Botschaft König Za-

charias persönlich aushändigen würde.

Sie hatte die Stadt Sacor schon einmal als junges Mäd-

chen besucht, und damals hatte die alte Königin Isen, Za-

charias' Großmutter, über Sacoridien geherrscht. Zacharias'

Vater hatte den Thron nur bestiegen, um kurz darauf an ei-

ner schweren Krankheit zu sterben. Zacharias' Übernahme des

Throns war seinem Bruder Prinz Amilton ein Dorn im Auge ge-

wesen, doch den Grund kannte sie nicht. Sie nahm an, daß

alle Edelleute sich in die Haare bekamen, wenn Macht und

Prestige auf dem Spiel standen.

Nun ärgerte ihre Unwissenheit sie. Was mochte im Land

vorgehen, daß der König auf Gedeih und Verderb eine Bot-

schaft erhalten mußte? Was enthielt die Botschaft so Unent-

behrliches, daß jemand bereit war, dafür zu töten? Sie hät-

te gern einen Blick auf die Botschaft geworfen, doch der

Grüne Reiter hatte ihr befohlen, das zu unterlassen.

Ein wenig zu spät fragte sie sich, in welche Gefahr

sie sich eigentlich gebracht hatte. Sie beschloß, die Bot-

schaft im nächsten Dorf dem dortigen Polizeibeamten zu

übergeben. Sie würde ihre Geschichte erzählen, sich der

Botschaft entledigen und nach Hause weiterziehen.

 

 

Drei Holzarme zweigten von einem Zedernpfahl ab, den man mit-

ten auf der Weggabelung auf einer Grasinsel errichtet hatte.

Vom Südarm hing eine Schindel, die die Flußstraße anzeigte.

Weitere Schindeln mit den eingeschnitzten Namen von Dörfern,

die auf dem Weg lagen, hingen darunter. Wenn Karigan sich

heimwärts wandte, würde sie dieser Straße folgen.

Der mittlere Arm wies zum gut befestigten Königsweg,

der in östliche Richtung führte, der direktesten Route zur

Stadt Sacor und zu König Zacharias. Ihr Vater hatte gesagt,

daß der Königsweg eines Tages auf ganzer Strecke von Sacor

bis Selium gepflastert sein würde, was für alle Dörfern am

Wegesrand vermehrten Handel und Wohlstand bedeutete.

Der dritte Arm wies zu einem überwucherten Pfad in

schlechtem Zustand. Auf der einen Schindel, die darunter

hing, stand ein schicksalsschweres Wort: Norden.

Estral, eine Schulfreundin von Karigan ­ eigentlich

ihre einzige Freundin in der Schule -, hatte Andeutungen

gemacht, daß es in den letzten Monaten im Norden zu er-

höhter Aktivität gekommen sei und König Zacharias die

Grenzen mit bewaffneten Patrouillen verstärkt habe. Aber

worin das Problem bestand, damit hatte Estral, die das

Handwerk des Spielmanns ausübte und aus fraglichen Quel-

len anscheinend Unmengen von Informationen bezog, immer

hinter dem Berg gehalten. Im Norden lag der geheimnisvol-

le Eltforst, doch sie konnte sich nicht recht vorstellen,

daß von dieser seltsamen Stätte etwas ausging, was Saco-

ridien in Unruhe versetzte.

Das Pferd hatte sich endlich wieder soweit abgekühlt,

daß Karigan aufsitzen konnte. Der Sattel war winzig im Ver-

gleich mit denen, auf denen sie sonst ritt. Ein leichter

Sattel ergab Sinn, wenn man schnell reisen wollte, woran den

meisten Boten sicher gelegen war, doch sie würde eine Weile

brauchen, um sich daran zu gewöhnen. Sie hatte den Eindruck,

als wäre zwischen ihrem Steiß und dem knöchernen Rückgrat

des Pferds rein gar nichts.

Die Botentasche war vorn am Sattel festgeschnallt und

das Bettzeug, zwei kleine Bündel und die Sattelscheide an

der Hinterpausche. Den Inhalt der Bündel würde sie später

durchstöbern, wenn sie sich auf dem Königsweg befand. Viel-

leicht entdeckte sie in einem davon sogar Lebensmittel.

Sie stellte die Steigbügel auf eine angenehme Länge

ein, nahm ihren Sitz ein und preßte dem Pferd die Fersen in

die Flanken. Nichts tat sich. Sie trat noch einmal heftiger,

doch es rührte sich nicht von der Stelle.

"Du stures, schlecht trainiertes Vieh", sagte sie.

Das Pferd schnaubte und ging auf die Nordstraße zu.

"He!" Karigan riß an den Zügeln. "Brr! Wer, glaubst du

eigentlich, hat hier das Sagen?"

Das Pferd stampfte mit dem Huf auf und schüttelte das

Zaumzeug. Karigan versuchte, es wieder zum Königsweg zu

lenken, doch es weigerte sich. Als sie die Zügel locker

ließ, machte es einige weitere Schritte auf die Nordstraße

zu. Sie stieg empört ab. Wenn es sein mußte, würde sie es

eben zu Fuß auf den Königsweg führen. Das Pferd warf den

Kopf zurück und riß ihr die Zügel aus der Hand. Es begab

sich im lässigen Trab auf die Nordstraße.

"He, du dämlicher Gaul!"

Eher erschreckt als verärgert, daß das Pferd mit der

wichtigen Botschaft davonlief, hetzte sie hinterher. Es

blickte sich nach ihr um, als wolle es sie auslachen, und

trabte noch fast einen Kilometer weiter. Dann wartete es

geduldig und fraß von dem Gras, das auf der Straße wuchs,

bis Karigan es fuchsteufelswild eingeholt hatte. Als sie

nur noch eine Armlänge von den Zügeln entfernt war, schlug

es mit dem Schweif und trottete weiter, so daß sie mit einer

Schimpftirade wieder hinter ihm hereilte.

Beim dritten Mal unternahm Karigan keinen Versuch, die

Zügel zu ergreifen. Sie stellte sich schnaufend und keuchend

vor das Tier, die Hände in die Hüften gestemmt.

"Also gut, Pferd. Vielleicht weißt du ja etwas, was ich

nicht weiß. Vielleicht ist der Königsweg gefährlicher, weil

er die direkteste Strecke zu König Zacharias ist. Probieren

wir eben erst einmal diese Straße aus."

Bei diesem Kompromiß gestattete ihr das Pferd, die Zü-

gel zu nehmen und aufzusitzen. Es gehorchte ihren Befehlen,

wie es sich für ein gut ausgebildetes Pferd ziemte, und Ka-

rigan krauste über seine Scheinheiligkeit die Stirn.

"So ist's recht, du mieser Gaul", sagte sie. "Tu nur

so, als wäre nichts geschehen."

Dann verfiel es in eine unangenehme Gangart, bei der

ihr jeder Knochen im Leib durchgeschüttelt wurde.

"Ich glaube, das machst du mit Absicht."

Das Pferd ließ sich nicht anmerken, ob es sie gehört

hatte, und trabte weiter im gemächlichen Paß dahin, so daß

sie auf und nieder hüpfte wie ein Sack Kartoffeln. Karigan

spornte es zu einem leichten Galopp an, der ebenso qualvoll

war, sie aber schneller voranbrachte. Wenn ihr Schurken auf

der Fährte waren, wollte sie ihnen so weit wie möglich vor-

aus sein.

Rote Eichhörnchen huschten vor ihr über die Straße.

>Straße< war lachhaft. Sie diente eher als Flußbett, in dem

die Gräben zu sehr überwuchert oder mit Geröll angefüllt

waren, als daß das Wasser noch hätte abfließen können. Wenn

Karigan König Zacharias erreichte, würde sie ihn darüber

informieren, in was für einem traurigen Zustand sich die

Straße befand, und verlangen, daß man sie reparierte und

die Steuern so einer sinnvollen Verwendung zuführte. Nun

ja, vielleicht nicht gerade verlangen. Von einem König

verlangte man nichts, aber jedenfalls würde sie ihm nach-

drücklich diese Empfehlung aussprechen.

Später am Nachmittag zügelte sie das Pferd und stieg

ab. Sie warf ihr Bündel auf den Boden und durchstöberte die

Satteltaschen, um festzustellen, was davon sich auf ihrer

Reise als nützlich erweisen konnte. Zu ihrem Entzücken fand

sie nicht nur getrocknetes Fleisch, Brot, Äpfel und einen

Schlauch Wasser, sondern auch einen dicken grünen Mantel

mit an den Schultern befestigtem Umhang. Die Ärmel waren

zwar etwas lang, doch sonst paßte er recht gut.

"Jetzt wird mir nicht mehr kalt werden." Sie nahm die

Lebensmittel und das Wasser, ließ sich zu einem Festmahl

auf den Boden plumpsen und stöhnte auf. "Mir tun sämtliche

Knochen weh." Sie starrte das Pferd an, das unschuldig an

einem Büschel Gras knabberte.

Nach ihrer leichten Mahlzeit wickelte Karigan sich in

den Mantel ein. Sie fiel in Schlaf und stellte sich im

Traum vor, wie eine durchscheinend weiße Gestalt an das

Pferd herantrat und auf es einsprach. Ernst lauschte das

Pferd jedem Wort. Sie hörte nichts als ein leises Wispern.

Wer bist du? wollte sie fragen. Weshalb störst du meinen

Schlaf? Doch der Mund wollte ihr nicht gehorchen, und sie

konnte den Schlaf nicht abschütteln.

Ein Stups gegen die Stiefelspitze weckte sie. Das

Pferd starrte auf sie hinunter und wieherte. Die Dunkelheit

brach herein.

"Soll das heißen, es ist an der Zeit, aufzubrechen?"

Das Pferd wartete schon auf der Straße auf sie.

"Ja doch, in Ordnung."

Sie trotteten weiter die Straße entlang, und Sing-

drosseln tirilierten im Dämmerschein. Das Pferd drängte

Karigan dazu, die Nacht durchzureiten. Es war ein unbeque-

mer Ritt, obwohl seiner Gangart jetzt das schmerzhafte,

zähneklappernde Gehopse des Tages fehlte.

Die Wälder und die verlassene Straße nahmen eine neue,

unheimliche Beschaffenheit an, als sie so dahinritten. Die

Äste der Bäume verschränkten sich zu finsteren Skeletten,

und Wolken verhängten den Mond und die Sterne. Ihr Atem

schickte stoßweiße Nebelgespinste in die Luft, und sie war

froh um die Wärme, die der Mantel ihr bot.

Mehrmals warf sie einen Blick über die Schulter,

weil sie glaubte, daß ihr jemand folgte. Als sie nieman-

den sah, schlang sie den Mantel fester um sich und wollte

einige schlichte Lieder singen, doch sie blieben ihr im

Hals stecken.

"Kann mir sowieso keine Melodie merken", murmelte

sie. Sie trieb das Pferd zu einem leichten Galopp an,

doch die unsichtbaren Augen bohrten sich noch immer in

ihren Rücken.

 

Verschwindibus

 

Als öd und grau der Morgen anbrach, hing Karigan vornüber-

geneigt im Sattel. Sie war erschöpft. Das Gefühl, beobach-

tet zu werden, war mit dem ersten Licht verschwunden, und

sie fühlte sich endlich wieder sicher genug, um haltzuma-

chen und eine Rast einzulegen.

Sie ließ sich auf wackeligen Beinen vom Rücken des

Pferds gleiten und stöhnte auf. Im Reiten hatte sie immer

zu den Besten gehört, doch nichts hatte sie auf einen sol-

chen Dauerritt vorbereitet. Zu müde, um auch nur etwas zu

essen, löste sie den Sattelgurt, damit auch das Pferd etwas

Bequemlichkeit fand, wickelte sich in ihre verschmutzte

Decke und versank in tiefen Schlaf.

 

 

Sie schätzte, daß es schon früher Vormittag war, als sie er-

wachte. Graue Wolken verhießen kommende Schauer. Sie lehnte

sich an eine knorrige Esche, ließ ihre kalten Hände in die

Manteltaschen gleiten und fand zu ihrem Erstaunen ein Stück

Papier. Neugierig faltete sie den brüchigen weißen Zettel

auseinander. Es war eine in geschwungener Handschrift abge-

faßte Nachricht, an eine Lady Estora gerichtet.

"Ein Schreiben von unserem toten Boten?" fragte sie das

Pferd. Es blinzelte sie mit seinen langen Wimpern an.

Sie zögerte, die Nachricht zu lesen. Sie war weder an

sie gerichtet noch für sie gedacht, und sie fürchtete, in

jemandes Privatsphäre einzudringen. Doch der Bote war tot,

und wenn sie das Schreiben las, schadete ihm das nicht

mehr, und vielleicht fand sie auf diese Weise heraus, wer

Lady Estora war, und konnte ihr die Nachricht eines Tages

überbringen. Nach dieser vernunftmäßigen Erklärung nahm sie

das Schreiben wieder mit besserem Gewissen zur Hand ­ bis

sie erkannte, daß es sich um einen Liebesbrief handelte.

Ihre Wangen brannten, als sie las:

 

MEINE LIEBSTE LADY ESTORA,

wie sehr ich Euch in diesen letzten zwei Monaten

vermisst habe; Euer verführerisches Lächeln und Eu-

re fröhlichen Augen. Das Wissen, dass bis zu dem

Tag, an dem wir uns wiedersehen, noch ein langer

Monat vergehen wird, macht mir das Herz schwer.

Mein Bruder beharrt zwar darauf, es sei keine Lie-

be, doch was weiss er schon davon? Er hat noch nie

eine Menschenseele geliebt.

 

Karigan überflog die privaten Liebesbeteuerungen, bis

sie den letzten Abschnitt erreichte.

 

Ohne Euch ist es schrecklich einsam, und um mich

guten Mutes zu erhalten, denke ich holde Gedanken

und schmiede Pläne für unsere Hochzeit im Frühling.

Sorgt Euch nicht ­ nicht einmal schwarze Pfeile

könnten mich von Euch fernhalten.

IN LIEBENDER EHRERBIETUNG

F'RYAN COBLEBAY

 

Karigan preßte die Nachricht an ihre Brust und seufzte

tief bei der Vorstellung, daß Lady Estora sicher die schön-

ste Frau auf der Welt war und wie verzweifelt sie über den

Tod ihres Geliebten F'ryan Coblebay sein würde.

F'ryan Coblebay. Der Bote, dem sie geschworen hatte,

daß sie dem König eine Botschaft überbrachte. Der tote Grüne

Reiter. Er war nicht länger namenlos. Wie schicksalhaft sei-

ne letzte Bemerkung über schwarze Pfeile doch gewesen war.

Das Pferd riß den Kopf hoch und stellte die Ohren auf.

Karigan schüttelte ihre Tagträumerei ab. "Stimmt etwas

nicht? Was hörst du?"

Das Pferd scharrte auf der Straße. Sein Unbehagen war

Karigan Antwort genug. Sie steckte den Liebesbrief wieder

in die Tasche und räumte ihre Sachen zusammen. Von fern er-

klang das Klappern von Hufen auf der Straße.

Sie setzte den Fuß in einen Steigbügel und wollte auf-

sitzen, doch der Sattel rutschte unter den Bauch des Pferds.

Der Inhalt der Satteltaschen ergoß sich auf die Straße. Sie

fluchte, schob den Sattel an die richtige Stelle hinter dem

Widerrist des Pferds und stopfte die verstreuten Habselig-

keiten in die Taschen zurück.

Eine plötzliche Windbö verfing sich in ihrer Decke,

und sie wehte die Straße entlang, als besäße sie ein Eigen-

leben. Karigan eilte hinterher, kam sich wie eine Närrin

vor, als der Wind sie ihr kurz vor dem Zupacken immer wie-

der entriß. Schließlich sprang sie drauf und rannte mit der

zerknüllten Masse zu ihrem Pferd.

Diesmal zog sie vor dem Aufsitzen den Sattelgurt fest

und riß sich an den Metallbeschlägen die Knöchel auf. Sie

saugte daran, schmeckte salziges Blut. Schweiß lief ihren

Körper hinunter. Das Hufgetrappel kam immer näher.

Es ließ sich unmöglich sagen, wie nah die Reiter inzwi-

schen waren oder ob es sich überhaupt um jene handelte, die

F'ryan Coblebay verfolgt hatten. Sie war fest entschlossen,

es nicht darauf ankommen zu lassen.

Feiner Nebel senkte sich herab, und Schwaden wogten

aus dem Wald hervor, als das Pferd mit Karigan dahingalop-

pierte. Sie wußte nicht, was sie sonst hätte tun sollen,

und so folgte sie der Straße. Wenn sie durch den Wald ge-

ritten wäre, hätte das dichte Unterholz sie verlangsamt.

Wenn die Leute hinter ihr die Botschaft, die sie bei sich

trug, abzufangen hofften, hatten sie vielleicht einen Spu-

renleser dabei, der sie ebensoleicht abseits wie auf der

Straße aufstöbern konnte. Blieb sie hingegen auf der Straße

und befand sich ein Bogenschütze mit schwarzen Pfeilen in

der Gruppe, gab sie natürlich ein deutliches Ziel ab. Ihr

wollte einfach keine Lösung einfallen.

Sie sauste dahin. Sie begann sich zu fragen, wie lange

das Pferd dieses Tempo wohl ohne Pause durchhalten konnte.

Wenigstens würde der Nebel ihnen einen gewissen Schutz bie-

ten. Und wo befanden sie sich eigentlich? Wohin führte die

Straße außer nach Norden? Ein Strom von Zweifeln erfüllte

Karigans Gedanken. Sie beugte sich tief über den Sattel,

und ihr war schlecht vor Ungewißheit.

Als sie eine riesige umgestürzte Fichte erreichten,

die den Weg versperrte, wollte Karigan das unermüdliche

Pferd schon zur Seite reißen, doch sein Schritt zauderte

nicht. Es straffte sich unter ihr, und sie ergriff mit bei-

den Händen seine Mähne und schloß die Augen. Dann setzte

es über die Fichte hinweg. Zweige schlugen gegen Läufe und

Bauch. Beim Aufsetzen gruben seine Vorderbeine tiefe Fur-

chen in die weiche Oberfläche der Straße. Ein schlechteres

Tier hätte sich geweigert.

Es goß in Strömen, und der Himmel verfinsterte sich,

als wäre es Abend statt Vormittag. Die Straße verwandelte

sich in einem schlammigen Morast, und das Pferd rutschte

weg und mühte sich nach Kräften ab. Als sie einen Sturzbach

erreichten, der nicht durch einen eingefallenen Abzugkanal

unter der Straße hindurch, sondern über sie hinwegführte,

zügelte sie das schnaubende Tier.

"Du wirst dir noch einen Lauf brechen, wenn du weiter

durch diesen Schmodder rennst", sagte sie.

Sie führte das Pferd stromaufwärts. In rauschendem Was-

ser konnte auch ein Spurenleser keine Fährte mehr finden.

Mit etwas Glück würde der Regen ihre Abdrücke auf der Straße

fortschwemmen. >Pferd<, wie sie es in Ermangelung eines an-

deren Namens zu nennen beschloß, schien das zu billigen,

jedenfalls weigerte es sich nicht.

Karigan stieß Äste zur Seite, die über dem Sturzbach

hingen, und bekam von jedem Zweig eine zusätzliche Ladung

Wasser ab, die sich darauf gesammelt hatte. Sie bahnten

sich einen Weg über glitschige, moosbewachsene Felsen und

durch tiefen Schlamm.

Ein Granitvorsprung, mit grünen Flechten gesprenkelt

und groß genug, um sich dahinter zu verbergen, ragte vor

ihnen im Nebel auf. Die Straße war durch den Nebel hindurch

nicht zu erkennen, verlief jedoch so nahe, daß jeder Vor-

beireitende deutlich zu hören war. Karigan ritt hinter den

Vorsprung und stellte sich kläglich in den strömenden Re-

gen, wartete auf irgendein Zeichen.

Ein Granitvorsprung, mit grünen Flechten gesprenkelt

und groß genug, um sich dahinter zu verbergen, ragte vor

ihnen im Nebel auf. Die Straße war durch den Nebel hindurch

nicht zu erkennen, verlief jedoch so nahe, daß jeder Vor-

beireitende deutlich zu hören war. Karigan ritt hinter den

Vorsprung und stellte sich kläglich in den strömenden Re-

gen, wartete auf irgendein Zeichen.

Obwohl nur Augenblicke verstrichen, schien die Warte-

rei kein Ende nehmen zu wollen. Karigan stieg ab und zog

sich die Kapuze über, weil sie es satt hatte, daß ihr stän-

dig der Regen auf den Kopf trommelte. Sie lehnte sich gegen

den rauhen, nassen Granit und verfluchte sich dafür, Selium

überhaupt verlassen zu haben.

Als sie Selium verließ, war ihr nie der Gedanke gekom-

men, daß sie in echte Gefahr geraten könnte. Sicher, sie

hatte das Leben eines Abenteurers führen wollen, wie ihr

Vater. Und das tat sie nun auch, doch es war weit von dem

entfernt, was sie sich erträumt hatte.

Wenn ihr etwas zustieß, würde es ihr nicht mehr mög-

lich sein, ihren Namen in Selium reinzuwaschen. Noch grau-

enhafter war die Vorstellung, daß die Menschen, die ihr na-

hestanden, keine Ahnung hätten, wohin sie verschwunden war.

Sie schloß die Augen und konnte sehen, wie ihr Vater das

ganze Land nach ihr absuchte, gramgebeugt wieder und wieder

ihren Namen rief... Es schnürte ihr die Kehle zu, und sie

mußte schwer schlucken.

Neben ihr straffte sich Pferd, die Ohren aufgestellt.

Von der Straße her erklangen Stimmen, anfangs schwach, dann

deutlicher, als sie näherkamen.

"Hier ist keine Spur von einem Pferd."

"Das gefällt mir nicht. Der Grüne ist tot, und du willst

mir doch nicht weismachen, daß der Gaul schlau genug ist, um

die Botschaft selbst zu überbringen."

Eine Weile herrschte Schweigen, bis die erste Stimme er-

widerte: "Sarge, meiner Meinung nach reitet ein Gespenst die-

ses Pferd. Wie sollen wir einen Geisterreiter aufhalten?"

Sarge schnaubte verächtlich. "Du weißt, daß ich dieses

Gewäsch verboten habe. Laß das bloß nicht den Hauptmann hö-

ren. Das ist das Problem mit euch Bauerntrotteln, ihr seid

allesamt abergläubisch."

"Aber es wird immer unheimlicher", sagte der >Bauern-

trottel<. "Diese Wälder, der tote Grüne und der Graue. Eis-

kalt ist es hier. Das ist nicht normal."

"Mir egal, ob es normal ist. Wir befolgen die Befehle

des Hauptmanns, und im Augenblick haben wir Befehl, dieses

Pferd zu finden und die Botschaft zu vernichten. Kapiert?"

"Ja, Sergeant."

Sarge grunzte. "Geisterreiter. Ihr Bauern habt wirk-

lich eine blühende Phantasie. So einen Unsinn habe ich ja

mein Lebtag noch nicht gehört. Halt lieber nach Spuren Aus-

schau. Der Hauptmann trägt diese Peitsche nicht zur Zierde,

weißt du? Es würde dir gar nicht gefallen, das Leder auf

deiner Haut zu spüren, das kannst du mir glauben."

Also waren wenigstens vier Personen auf der Suche nach

der Botschaft. Wo steckten die anderen beiden, wenn sie

sich nicht beim Sergeant und seinem Begleiter aufhielten?

Wessen Soldaten waren das überhaupt? Ihr Akzent war eindeu-

tig sacoridisch, doch die Miliz des Königs würde wohl kaum

verhindern wollen, daß ihn eine lebenswichtige Botschaft

erreichte. Manche der wohlhabenderen Provinzen unterhielten

selbst kleinere bewaffnete Truppen, ebenso wie die größeren

Landeigentümer. Hatte einer von ihnen etwas zu verlieren,

wenn die Botschaft König Zacharias erreichte?

"Sarge! Ich hab' etwas. Sieht wie ein Hufabdruck im

Schlamm aus."

"Scharfe Augen, Thursgad."

Karigan packte unwillkürlich die Brosche mit dem ge-

flügelten Pferd, die sie sich an den Mantel geklemmt hat-

te. Sie erwärmte sich unter der Berührung. Bäume wogten

in den sanften Nebelschwaden um sie herum, als wären es

Schemen bewaffneter Soldaten. Zweige schossen wie Schwer-

ter auf sie zu. Sollte sie fliehen? Konnten Schnelligkeit

und das Überraschungsmoment ihr und Pferd die Flucht er-

möglichen? Sie erinnerte sich noch äußerst lebhaft an die

Pfeile mit den schwarzen Schäften, die aus F'ryan Coble-

bays Rücken ragten.

Den Versuch zu unternehmen, vor den Soldaten zu flie-

hen, wäre ein fataler Fehler. Sie würde sich weiter hinter

dem Granitvorsprung verstecken und erst im äußersten Notfall

Reißaus nehmen. Wenn die Soldaten glaubten, daß das Pferd

des Botschafters auf eigene Faust handelte, um so besser.

Sie zog den Säbel aus der Scheide und stellte sich neben

Pferd, um jederzeit aufsitzen zu können.

"Ich kann nicht feststellen, welchen Weg der Gaul

genommen hat", sagte Thursgad.

"Denke wie ein Pferd. Das dürfte dir doch nicht schwer

fallen ­ euresgleichen hat nicht viel Grips. Ihr würdet

den einfachsten Weg wählen."

"Sie meinen... weiter die Straße entlang?"

"Drücke ich mich so unklar aus? Hast du noch weniger

Grips als ein Pferd? Ja, die Straße entlang. Einfach weiter.

Dieser Hufabdruck bestätigt, daß es hier durchkam."

"Aber wenn ein Geisterreiter -"

"Thursgad, du Einfaltspinsel. Habe ich dir nicht ge-

sagt, du sollst dieses Bauerngewäsch lassen?"

Ihre Stimmen verklangen auf der Straße. Karigan ent-

fuhr ein Riesenseufzer der Erleichterung, und sie schob

den Säbel wieder in die Scheide zurück. Sie schwang sich

auf den nassen Sattel und verzog das Gesicht, als kaltes

Regenwasser ihre Hose durchtränkte.

Unschlüssig saß sie da. Wenn sie die Straße benutzte,

stieß sie vielleicht wieder auf jene, die nach ihr suchten.

Sie könnte sich durch die Wälder davonschlagen, in östliche

Richtung, doch wegen des Unterholzes würde sie nur langsam

vorankommen. Sie krauste die Stirn. Wenn sie nicht so viele

Geographiestunden geschwänzt hätte, wäre ihr jetzt viel-

leicht eine andere Route eingefallen.

Pferd wieherte jäh auf und tänzelte unter ihr, seine

Hufe verursachten schmatzende Geräusche im Morast.

"Was ist denn jetzt schon wieder?"

Der strömende Regen war heftigem Niesel gewichen. Wie

ein Schleier trieb er in Böen davon und enthüllte eine be-

rittene Gestalt, die sich näherte. Die Gestalt ähnelte sehr

einem von Thursgads Geisterreitern, unscharf und verschwom-

men in den wogenden Schwaden, aus Nebel geschaffen, so wenig

stofflich wie die Luft. Sein großer weißer Hengst verschwand

ständig im trüben Dunst und tauchte wieder auf.

Pferd scharrte im Morast und schnaubte, jede Faser im

Leib angespannt. Er wollte, daß Karigan ihm die Zügel schie-

ßen ließ, damit er fliehen konnte, wie sein Instinkt es ihm

riet. Von der Anstrengung, ihn zurückzuhalten, taten ihr die

Arme weh. Sie saß wie angewurzelt, fasziniert von dem Frem-

den. Dann fielen ihr F'ryan Coblebays letzte Worte wieder

ein: Hüte dich vor dem Schattenmann...

Als der Reiter näherkam, nahm seine Gestalt festere

Form an und wurde deutlicher. Er war kein Gespenst, und

sein Auftreten ließ auch nicht darauf schließen, daß er

ein Schattenmann war. Er saß aufrecht im Sattel. Er starrte

sie aus einem grünen Auge eindringlich an, das andere war

von einer schwarzen Klappe verdeckt. Der Regen prasselte auf

seinen kahlen Kopf, doch das schien ihn nicht weiter zu stö-

ren. Unter einem schlichten schwarzen Umhang trug er einen

scharlachroten Waffenrock mit goldenen Stickereien. Es war

die Uniform eines Angehörigen der Provinzmiliz.

Mit einem kaum merklichen Ruck der Zügel brachte er die

fließenden Bewegungen des Hengstes zum Stillstand. Karigan

musterte ihn unter ihrer höhlenartigen Kapuze hervor. Wasser

tropfte rhythmisch vom Rand auf ihren Arm.

Das Sattelleder des Mannes knarrte, als er sich vor-

beugte. Sein Auge blickte sie forschend an. "Meine Männer

halten dich anscheinend für eine Art Geisterreiter", sagte

er mit düsterer Stimme, die rauh war vom lebenslangen Be-

fehleerteilen. "Wer steckt da unter der Kapuze?"

Karigan war vor Schreck wie gelähmt, so daß sie nicht

sprechen konnte. Weshalb hatte sie Pferd nicht seinen Wil-

len gelassen, als noch die Möglichkeit zur Flucht bestand?

Sie umklammerte wieder die Brosche.

Das grüne Auge des Mannes flackerte. "An deinen Hän-

den sehe ich, daß du aus Fleisch und Blut bist. Ein Grüner

ist tot, doch ein anderer führt seine Mission fort. Wenn

du nicht wie Coblebay deine fleischliche Hülle abstreifen

willst, solltest du mir die Botentasche übergeben, die du

bei dir trägst. Und du wirst mir auch sagen, wer Coblebay

die Informationen gab."

Karigan saß erstarrt da und hielt die Zügel mit eiser-

nem Griff, wobei sie meinte, selbst in einem eisernen Griff

gepackt zu sein. Pferds Hals schäumte von Schweiß, und er

rollte mit den Augen. Hätte sie ihn nicht so fest im Zaum

gehalten, wäre er davongestoben.

Der kalte Regen durchnäßte Karigan bis auf die Haut,

und die feuchte Klebrigkeit brachte sie zum Frösteln. Der

klatschnasse Mantel zog wie mit Bleigewichten an ihr und

machte jede Bewegung zur Qual.

Der Mann lupfte eine Braue, und Karigan stellte sich

vor, wie die klaffende Augenhöhle unter der Klappe sich

weitete. "Mein Kriegsherr ist äußerst ungehalten über all

das. Jemand hat sein Vertrauen mißbraucht, und seine ganzen

Pläne werden hinfällig sein, wenn er den Namen des Verrä-

ters nicht erfährt."

Karigan blieb stumm.

"Ich verstehe." Er zog etwas unter seinem Umhang

hervor, was wie eine lebendige Schlange aussah. Es war

eine aufgerollte Peitsche. "Da du die Informationen nicht

freiwillig preisgeben willst, werde ich dich wohl überre-

den müssen."

Karigan keuchte auf, und ihr Griff um die Zügel lok-

kerte sich. Was auch immer es gewesen war, das sie zurück-

gehalten hatte, verlor jetzt seine Gewalt über sie. Die

Peitsche entrollte sich, und der Mann knallte damit fach-

männisch in der Luft.

"Du solltest wissen, daß die Hände, die dieses Werk-

zeug der Überredung halten, vortrefflich damit umzugehen

verstehen. Vielleicht hast du schon von mir gehört. Ich bin

Immerez. Hauptmann Immerez."

Karigan hatte noch nie von ihm gehört, obwohl einem

richtigem Grünen Reiter sein Ruf vielleicht schon zu Ohren

gekommen wäre. Ihre Knöchel um die Brosche wurden weiß. Sie

schluckte schwer. Ach, könnte sie sich doch nur mit einem

Fingerschnippen unsichtbar machen! Die Brosche pulsierte

auf einmal warm unter ihrer Hand.

Hauptmann Immerez versteifte sich, die Peitsche er-

schlaffte in seiner Hand, und er riß weit sein Auge auf.

"Wo...?" Er beugte sich vor, und sein Blick irrlichterte

umher. "Wo bist du?"

Karigan klappte der Unterkiefer herunter. War er plötz-

lich auf unerklärliche Weise erblindet? Doch er schien noch

deutlich sehen zu können. Nur sie konnte er nicht mehr se-

hen. Sie schaute auf ihren... nein, durch ihren Arm hin-

durch. Er war wie ein schwacher Schatten und entschieden

durchsichtig. Sie stupste mit dem Finger dagegen. Er war

fest, aber...

Was immer sie unsichtbar gemacht hatte, wirkte sich

auch auf ihr Sehvermögen aus. Das Tiefgrün des durchnäßten

Mooses und der Fichten wurde zu einem schemenhaften Grau.

Immerez' scharlachroter Waffenrock verwandelte sich in ein

düsteres Braun. Die Umrisse lösten sich auf, als versperrte

ihr eine dichte Wolke den Blick.

Immerez suchte noch immer nach ihr. Er schob sein

Schwert wieder in die Scheide, zweifellos, um sich ebenfalls

durch Berührung seiner selbst zu vergewissern.

Die Fesseln der Unschlüssigkeit und des Schrecks fielen

von ihr ab. Pferd bedurfte keiner Aufforderung, sie ließ

einfach die Zügel schießen. Sie jagten den Sturzbach hinun-

ter, und sie vertraute ganz seinem Instinkt, da der Grau-

schleier in ihren Augen es ihr unmöglich machte, Kontraste

und Tiefe auch nur soweit wahrzunehmen, daß sie Felsen

von Wasser unterscheiden konnte.

Einmal wären sie fast kopfüber gestürzt, und Karigan

wurde auf Pferds Hals geworfen. Er ging tief in die Knie,

rappelte sich jedoch wieder auf und schlitterte weiter

durch den Matsch. In halsbrecherischem Tempo raste er

schräg um Felsblöcke herum und zwischen Bäumen hindurch,

so daß ihr Reitlehrer vor Entsetzen zur Salzsäule erstarrt

wäre. Die ganze Zeit stürmte Hauptmann Immerez' nervöser

Hengst hinter ihnen her.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sie die Straße

erreichten. Karigan konnte lediglich vermuten, wie sehr die

Flucht stromabwärts Pferd gefordert hatte, und doch hetzte

er, als sie unten ankamen, in langgestrecktem Galopp weiter

auf der Straße dahin.

Thursgad und Sarge, oder jedenfalls zwei Männer, die

sie für Thursgad und Sarge hielt, tauchten vor ihnen auf.

Sie ritten in einem langsamen Trab. Sollte sie umkehren? Die

Peitsche pfiff an ihrem Ohr vorbei. Immerez befand sich nur

wenige Schritte hinter ihr. Aber sie war unsichtbar. Wie

konnte er...? Sie preschte an den beiden Männern vorbei und

erhaschte einen Blick auf ihre verdutzten Mienen.

"Das Pferd!" riefen sie.

Sie war zwar unsichtbar, doch Pferd nicht. Als sie um

eine Biegung kamen, wünschte sie sich, er wäre ebenfalls

unsichtbar. Pferd verschwand und ließ lediglich das Echo

seiner hämmernden Hufe zurück.

 

 

Karigan ritt weiter und hatte das Gefühl, in ein graues Meer

getaucht zu sein, als bedränge sie von allen Seiten Wasser.

Sie meinte, gegen eine Flut anzukämpfen; ihre Lungen sehnten

sich nach Luft. In dem Grau heftete sich eine Düsternis an

sie, von der sie den Eindruck hatte, daß sie sich nie mehr

davon befreien könne, als müsse sie darin ertrinken. Sie war

ja so erschöpft. Erschöpft und ausgelaugt vor Verzweiflung

in dieser unendlich grauen, grauen Welt.

Dann schimmerten Farben auf, als würden sie neu er-

schaffen. Ein Pfad tat sich am Straßenrand auf, der mit

rostroten Tannennadeln und kräftigen grünen Hemlockfich-

ten und ebensolchen Kiefern bemalt war. Kleine weiße Stein-

beerblüten wuchsen in Büscheln entlang des Pfads. Die Sonne

brach durch die Wolken, und obwohl sie anderenorts in

den Wäldern lediglich ein etwas hellerer Grauton zu sein

schien, fiel sie entlang des Pfads in goldenen Lichtbah-

nen durch die Bäume.

Karigan zügelte Pferd und sackte vornüber auf seinen

Nacken. Sie konnte durch sein braunes Fell hindurch gera-

dewegs bis zum Waldboden sehen. Er blieb stehen, und sie

ließ sich von seinem Rücken auf einen feuchten Flecken

Sumpfmoos gleiten. Sie war zu erschöpft, um auch nur den

pitschnassen Mantel abzulegen.

Als sie in tiefen Schlaf versank, wünschte sie sich,

wieder ganz zu sein ­ und nicht mehr durchsichtig wie ein

lebendiges Gespenst.